Donnerstag, Juni 04, 2009

Nur ein Butterbrot?




Wann ist es aus der Mode gekommen? Das gute alte schlichte Butterbrot?
Oder ist es das nicht? Diese Frage sei in die Runde gestellt!!

Nehmen wir es wörtlich: wann haben Sie das letzte Mal ein BUTTER-BROT gegessen?
Ich meine: Eine Scheibe Brot mit Butter.Punkt.
Keine Margarine, kein Joghurt-Aufstrich etc. Butter. Echte und reine Butter.
Süßrahmbutter oder mild gesäuerte Butter, Fäßchenbutter, meinetwegen, aber : echte und pure Butter. Ohne irgendwas anderes darauf. Keine Wurst, kein Käse etc.
Na? Und wissen Sie noch, wie die schmeckt?

Ich würde mal darauf tippen: das ist eine Weile her, stimmt's?
Und das war vielleicht auch der Grund eines Gespräches, das ich unfreiwillig und zufällig vor ein paar Tagen mit anhörte. Zwei junge Frauen, augenscheinlich Kolleginnen eines Büros in der gemeinsamem Mittagspause auf einer Parkbank neben mir. Beide so etwa Anfang, Mitte 20. Eine hatte sich wohl bei einem der nahe gelegenen Snackläden etwas zu essen geholt und die andere packte Brote aus, die sie von zuhause mitgebracht hatte und löffelte einen Gurken-Tomaten-Salat aus einem Frischhalteglas. Auf die Frage der anderen nach dem Brotbelag beantwortete sie mit "Butterbrot." "Und was drauf?"hakte die erste nach. "Butter....und Schnittlauch." erwiderte die zweite. "Wie ! Sonst nix? Nur Butter?" - der Tonfall der ersten war eine halbe Oktave höher gerutscht und hatte einen unangenehm überheblichen Ton, der zu sagen schien "Armeleute-Essen". Nun sind Geschmäcker zwar verschieden, aber was wäre - selbst wenn aus Sparsamkeit - so falsch daran, gelegentlich auch mal auf weiteren Brotbelag zu verzichten, mal wieder "Butter-Brot" wörtlich zu nehmen? Zumal in einer Zeit, in der oft über kleines Budget und teure Preise geklagt wird.

Was mich selbst angeht, ich liebe Butterbrot. Als Kind verbrachte ich viel Zeit bei meinen Grosseltern in den Ferien und die Tage begannen mit den ersten Geräuschen aus der Wohnkuchl, in der als erster mein Grossvater zugange war. Das Geräusch der Türen des Küchenbuffets, das Geräusch von Gas des Gasofens, auf welchem gekocht wurde und das er anzündete für das Frühstücks-Teewasser. Die Türen des Holzkohlenofens, der die einzige Heizung in der ganzen Wohnung war und auf dem immer ein grosser schwarzer emaillierter Topf mit Wasser stand. Das nicht nur an kalten Tagen das einzige heisse Wasser war, denn meine Grosseltern hatten in den Jahrzehnten, die sie bis zum Tod meines Grossvaters in den 80er Jahren dort lebten, nur kaltes fliessendes Wasser. Heute noch kann ich das Geräusch hören, wenn mein Grossvater in der Küche den schweren Topf über die Eisenringe des Ofens schob oder die Türen des Ofens öffnete, um nachzuschüren. Er war - wie ich - ein Frühaufsteher. Und wenn ich dann aus der Schlafstube meiner Grossmuter zu ihm in die Kuchl hinaustappste, stand auf dem Küchentisch bei der Eckbank bereits seine gepunktete Kacheltasse mit dem Tee neben dem Brotzeitbrettchen. Darauf eine Scheibe Brot mit Speck oder mit Butter, je nachdem, worauf er wohl einfach gerade Lust hatte. Das Butterbrot wurde entweder ganz leicht mit Salz oder mit Zucker bestreut. Als Kind mochte ich beides, später nur noch die Version mit Salz. Butterbrot gab es auch abends, warm gekocht wurde nur mittags.



Bei den Butterbroten abends zur Brot-Zeit gab es dann auch Wurst, Speck, hausgemachtes Schmalz oder Griebenschmalz (das nach dem Erkalten streichfest wird und mit den knusprigen Grammeln, den Grieben auch ein preiswertes Brotzeitschmankerl ist), Käse, Leberwurst (pur oder mit Zwiebeln, mit Schnittlauch, mit Senf zur Bauernbrotzeit) Tomaten, frisch geschnittenen Schnittlauch oder einfach gekochtem Ei, usw.




Manchmal auch mit zart geräuchertem Fisch aus einem der Seen des Werdenfelser Landes.
Alle diese Schmankerl kaufte er bei seinen Fahrten über Land im Allgäu, für jedes davon hatte er seine ganz besonderen Bäcker, Metzger, Käsereien, Gärtnereien, Märkte und Bauernhöfe, zu denen er mich in seinem bordeauxrotem R4 mitnahm. Unvergleichlich der Geruch und Geschmack eines wirklich ofenfrischen heissen Bauernbrotes, das wir auf dem Rücksitz des R4 in einem Korb heimfuhren. Unterwegs hielten wir an und er schnitt von dem Brot ab und liess mich probieren. Nur Brot. Während wir ein Stück durch den Wald gingen. Solches Brot ist bis heute Maßstab für mich. Es muss pur ein Genuss sein. Für ein wirklich gutes, innen lockerfluffigweiches, aussen knuspriges Brezenzopferl gehe ich auch bis zum überüberübernächsten Bäcker.


Nichts anderes gilt für mich für jedes andere Lebensmittel. Ich muss es pur und ohne andere Zutaten und Mischungen geschmacklich geniessen können. Dann ist es auch ideal, um es für Rezepte zu verwenden und mit anderen Zutaten zu kombinieren. Das hat auch einen anderen Nebeneffekt: es schärft und sensibilisiert den Geruchs- und Geschmackssinn. Wieder.... bei manchem Menschen, muss man dabei leider sagen. Denn viele schmecken manches nicht mehr aus einem Essen heraus und erkennen den Geschmack von einzelnen Zutaten nicht mal mehr. Oder von Kräutern, Gemüse, Gewürzen und anderem mehr.

Ist das nicht eigentlich erschreckend? Ja, eigentlich schon erschreckend, vor allem aus folgendem Grund: Wenn man berücksichtigt, dass Lebewesen - und am Ende ihrer Entwicklungskette damit auch der Mensch - zuerst ihren Geruchs- und Geschmackssinn entwickelten, schlicht um überleben zu können. Und dass erst viel später das Sehen und Hören zu den Sinnen hinzukam.

Die heutige Foodindustrie und Foodvermarktung setzt werbetechnisch dagegen in erster Linie auf optische Effekte. Das Produkt muss ins Auge fallen. Oder und verstärkend mit akkustischen Ohrburnern brandmarking-technisch ins Ohr gehen. Und sich dann gut anfühlen. Bevor der Mensch nah genug dran ist, um auch zu riechen, ob es ihm (vielleicht) auch schmecken könnte. Geschweige denn bekömmlich wäre.
Was nicht heisst, dass nicht auch der Geruchssinn bereits marketingtechnisch be- und genutzt würde.

Eine interessante verkehrung der Sinnes-Reihenfolge. Welche die Frage aufwirft, ob angesichts der Überlebensrelevanz der Sinnesfähigkeiten nicht eine Umkehrung der sinnlichen Prioritäten von uns selbst sinn-voller (im wahrsten Sinne des Wortes) besser wäre. Denn schliesslich: was nutzt die optisch noch so aufgepeppte und pralle rote Tomate, die kein Aroma und keine wirklichen Vitamine mehr hat oder der "fruity-rote" Joghurt, in dem bestenfalls 5% Erdbeeren enthalten sind, wenn überhaupt. Sondern ganz andere Dinge, die den Duft oder Geruch vortäuschen.




Abhilfe? Manches wieder auf das Minimum reduzieren. Und selbst machen. Wie zB die würzigen Cantuccini - dann kann man sie herzhaft und auch mit diversen Kräutern, Gewürzen, Bacon und anderem variieren. Und der zeitliche Aufwand ist gering und die Herstellung der Cantuccini unkompliziert. Sie schmecken auch lecker für Buffets, Sommerfeste, Gartenparties oder als Appetizer mit verschiedenen Kräuterbutter-Sorten oder einfach zum Salat. Auch mit anderen leicht gemachten Teigarten kann man leckere Partybrötchen zaubern.

Joghurt pur und frische Erdbeeren - erfrischender und angenehm kühl im Sommer. Wer etwas Süße dazu möchte, versuche es dennoch ein paar Mal ohne. Und wird feststellen, dass er gekauften Erdbeerjoghurt danach als zu süss wahrnimmt. Und auch irgendwie ..... weniger erfrischend, "schwerer", irgendwie. Und bald danach Durst bekommt. Wenn er aber dennoch etwas mehr Süße möchte, dann versuche er es mit einem Klecks Akazienhonig, zB mit Vanille oder mit Rosenblüten. Oder einer wirklich nur kleinen Prise Zimt-Rohrohrzucker darauf. Mehr braucht man gar nicht. Bei weitem nicht zB die Menge von mehr als einem halben Dutzend Zuckerwürfel, die in manchen Produkten enthalten sein sollen.

Das ist Ihnen zu puristisch?
Vielleicht. Aber: "Versuch macht kluch."


Das gilt nicht anders bei Brot. Und wenn Sie Brot selber backen. Man braucht nicht viele Zutaten für ein wirklich unkompliziertes Brot und guten Geschmack von Brot. Aber gute Zutaten. Egal ob man dunkles, Vollkorn- oder Bauern- oder Gewürz- oder Kräuterbrot mag, die sich durchaus mit manchen Meeresfrüchtchen auch edel als amuse geule inszenieren lassen, vegetarisch oder mit unterschiedlichen Toppings. Und auch herzlich dekorativ. Oder mal ein helles, wunderbar flumigfluffiges Sonntagmorgen-Brot mag. Das gilt ebenso für die ungezählten Arten an Kleingebäck, unter denen man die Auswahl hat.
Da schmeckt ein gutes Landbrot auch sehr gut zu hausgemachtem Zwiebelrelish aus weisen Zwiebeln, oder auch aus roten Zwiebeln mit Balsamico, zu dem auch Schinken und Käse passen.






Oder Oliven- und Kräuter-Ciabatta mit hausgemachter Leberterrine und Tomaten-Mousse.
Zu den Favoriten meines Sohne gehören die lockeren und gleichzeitig resch gebackenen Krusterln, Zwiebelbrot, Gewürzsemmeln,

Es mag zugegeben sehr bequem sein und ist - natürlich- mitnichten automatisch und alles gleich ungesund, mal eben hier einen Snack und da

Dann schmeckt auch ein Butterbrot wieder verlockend. Oder die Butterbreze, die man als Kind hier in München und Bayern so gern bekommt. Und dabei ein Wort zu Butter. Ich liebe Kräuterbutter und habe auch gelegentlich fertige handelsübliche Kräuterbutter im Einkaufskorb zur Kostprobe. Allerdings mag ich sie noch lieber selbst gemacht.




Es ist unkompliziert und lässt so herrlich viele unterschiedliche Variationen zu, je nach Tageslust und je nachdem, wozu sie gereicht und verwendet wird.

Butter zimmerwarm erst mit dem Schneebesen verrühren, dann Senf, Zitronensaft, Pfeffer frisch aus der Mühle hinzufügen und glatt rühren.
Man kann, muss aber keinen feingehackten Knoblauch darunter geben.
Je nach Lust und Vorliebe fügt man dann für Buttervariationen sehr fein gehackte Petersilie, Schnittlauch, Thymian, Oregano, Rosmarin, Kresse, Radieschenkresse, Basilikum, Rucola, Rukolakresse, Löwenzahn, Dill, Estragon hinzu. Dazu - je nach Vorliebe für Schärfe - auch eine Prise Cayenne.
Anstelle von Kräutern kann man es auch einmal mit Gewürzen ausprobieren, wie zB Paprika (scharfen oder süssen), Curry, Café de Paris-Gewürzmischung, Kräuter der Provence als Mischung.
Gesalzen wird bei mir die Butter dann erst, nachdem sie ca 30 Minuten geruht hat, so dass die Aromen sich entfalten können, man verwendet dann automatisch schon weniger Salz, was auch gesünder ist, als der Anteil an Salz in Fertigkräuterbutter-Produkten.

Schon einmal eine Kartoffelparty mit Buttervariationen gemacht? Ob mit frisch aus dem Topf auf den Tisch kommenden Pellkartoffeln, die sich jeder selbst schält oder mit Pellkartoffeln vom Vortag, die man (ergänzt mit leckeren bunten Salaten) zum Raclette auf den Tisch stellt. Man kann sie zum Beispiel auch mit unterschiedlichen Kartoffelsorten machen, wie zB blauen oder roten Kartoffeln.

Mein Grossvater brachte die Pellkartoffeln heiss auf den Tisch und stippte sie dann noch heiss geschält in ein Töpfchen mit heisser, zerlassener nussig schmeckender geklärter Butter, die bereits im Töpfchen gesalzen war und bestreute sie dann mit frisch gehackten Kräutern, am liebsten Petersilie oder Schnittlauch. Dazu gab es wahlweise auch herzhaft angerührten Topfen (Quark) oder Pfälzer Landleberwurst oder Scheiben von Blut- und schwarzer Speckwurst. Und grünen Salat. Noch heute eines meiner Lieblingsgerichte. Pur, nur mit gesalzener Nussbutter und mit Kräutern bestreut. Leckere weitere und trendy Toppings wie hier und hier natürlich erlaubt.
Oder Sie servieren Sie nach alter Tradition in einer Model geformt. Buttermodeln haben lange Tradition und sind manchernorts immer noch ein wunderschöner Brauch zu Hochzeiten. Es gibt sie in allen Grössen, Formen und Mustern. Man kann die Butter auch portionsweise je Gast in kleine Modeln gebracht vorbereiten und für ihn auf dem Butterteller servieren.






Und was wären Weinbergschnecken ohne die delikate Füllung mit Butter, wie Trüffelbutter oder Kräuterbutter.

Und dann wäre da noch .....der goldbraun knusprig frische Toast morgens zum Espresso, auf dem Butter so himmlisch schmilzt.... nur mit einer Prise Salz ;-)


Und... weil es gar so erheiternd ist, noch der Rest der Geschichte der beiden Damen aus dem Anfang dieses posts: Jene erste, so empörte der beiden begegnete mir (in Begleitung einer Truppe anderer) ein paar Tage später im Biergarten. Da kaufte sie sich ein Schnittlauchbrot zu ihrem Bier. Eine Scheibe Mischbrot, etwas Butter und Schnittlauch drauf. Für 2,50 Euro.
Hauswirtschaftlich gesehen zwar das billigste auf der Biergartenkarte (und wohl deswegen meine ganz persönliche Vermutung : das Essen ihrer Wahl), aber beim aktuellen Butterpreis von ca 70 ct pro 250 g Butter noch immer alles andere als preiswert. Aber vielleicht verdienen manche noch immer zu viel und zu leicht ihr Geld, so dass sie es nicht besser verdienen, als eben erst dann Gutes nicht als "arm" ansehen zu können, wenn es ihnen nicht teuer verkauft wird. ;-)

© Copyright by Liz Collet
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1 Kommentar:

Jeanie hat gesagt…

Ein Butterbrot ist was wirklich Tolles!! Meine drei Kinder nehmen (von selbst und völlig freiwillig) zur Brotzeit oft "nur" ein Butterbrot mit!