Mittwoch, Mai 06, 2009

Portulak ...........grüne Feldzüge und andere Schmankerl

Wo bekommt man richtig frisches, leckeres und am besten noch nach ökologischen Grundsätzen angebautes Gemüse und Salate, wenn man in der Stadt wohnt? Auf Märkten, wie dem Viktualienmarkt, dem Elisabethmarkt, dem Pasinger Viktualienmarkt. An manchen Bauern- und Wochenmärkten,.. die eben nicht täglich da sind. Ausser vielleicht der eine oder andere Gemüsestand, bei denen ich gern einkaufe. Je nachdem, was ich brauche. Aber ausser bei den Bauernmärkten, die nicht täglich und ohnehin oft nur im Sommer wöchentlich oder zweiwöchentlich an bestimmten Orten stattfinden, ist man nicht immer mit günstigen Preisen dabei. Wenn man dann nicht auf discounter oder Lebensmittelläden ausweichen oder nur auf diese zugreifen will, ist es ganz gut, noch weitere Alternativen zu haben.



Ich habe da glücklichwerweise mehrere, eine davon nur ein paar Radminuten und Seitenstrassen von mir entfernt und - wie man sieht - ganz nahe dem Uptown Munich mitten in Alt-Moosach gelegen. Moosach, das ist einer der älteren und - zum Glück - nicht so zu den chicchi-micchi-chichi-Vierteln zählenden Stadtteile Münchens. Ich mag durchaus auch Stadtteile wie Schwabing, Nymphenburg, Gern, Haidhausen, Bogenhausen oder die Maxvorstadt. Sie haben ihren jeweiligen Reiz und in manchem davon habe ich jahrelang gewohnt oder meine bisherigen beiden Kanzleien gehabt. Moosach aber hat neben seiner idealen Verkehrsanbindung mit gleich 2 U-Bahn-Linien, Trambahn und S-Bahn-Anschluss auch Richtung Flughafen und kaum 10 Minuten in die Innenstadt vor allem den Vorteil wunderschöner alter Ecken, wie dem Pelkovenschlössl, (mehr aktuelle Infos : hier klicken), der Kirche am Martinsplatz und teilweise noch recht alten, erhaltenen Häusern.

Moosach – seit 1913 von München auf eigenen Wunsch eingemeindet, um die Trambahnanbindung zu erhalten, die dann vor allem kriegs- und wirtschaftlich bedingt erst 1930 erfolgen konnte – ist einer der ältesten Orte in München und hat 2007 bereits sein 1200jähriges Bestehen gefeiert, während München soeben "erst" seine 850 Lenze feierlich begehen konnte.. Vermutlich bajuwarischen Ursprungs, schon im Jahre 807 wurde das Dorf erstmals urkundlich in einer Schenkung erwähnt und die alte St.-Martinskirche zählt zu den ältesten Kirchen in München, die ungeachtet des später erforderlichen neuen Baus der "neuen" Martinskirche erhalten und besuchenswert ist. Wer über ihren winzigen Friedhof geht, kann das dort noch an manchen Hinweisen auch da erkennen. Im Deckengewölbe der Kirche finden sich zwei Frauenbildnisse. 1750 erwarb Maria Ignatia Gräfin von Hörwarth die Hofmark Moosach, kümmerte sich um den Ort, sorgte mit finanziellen Mitteln für die Renovierung der alten Martinskirche und richtete schon damals zur Winterzeit einen Schulunterricht für die Moosacher Kinder ein. Die Frau des Hofbesitzers Franz Rieger, Maria Rieger, stiftete für die Ausgestaltung der Kirche.
Eine Stele zu Ehren Papst Benedikt XVI. neben dem alten Pfarrhaus erinnert heute - typisch für die Gelassenheit von Altmünchnern und Moosachern im Umgang mit Grössen aller Art und wohltuend zurückhaltend - an seine erste Stelle in St. Martin, bei der er als Aushilfs-Kaplan im Pfarrhaus wohnte.
Im Jahre 1892 wurde Moosach, das seinen Namen einem kleinen Bach verdankt, an das Eisenbahnnetz angeschlossen, Industriebetriebe siedelten sich an und die Zahl der Wohnsiedlungen stieg. Der dörfliche Charakter ist trotz moderner Bauentwicklung wie dem beizeiten sogar futuristisch



anmutendem Uptown Munich und manchen Bürogebäuden vielfach noch zu erkennen, ähnlich wie in Feldmoching, das ebenfalls zu einem der ältesten und eingemeindeten Teile Münchens gehört. Zudem findet man in Moosach noch so manche an den Baustil Unter- und Obermenzings erinnernden Häuser, auch in den Dachformen und manchen Erkern und Wintergärten. In den 50er Jahren setzte dann auch städtebaulich eine neuere Entwicklung mit Einfamilien- und Reihenhaussiedlungen und auch Wohnungs- und Bürobau ein. Das größte Wohngebiet in Moosach wurde jedoch vor den Olympischen Spielen 1972 mit der Olympia-Pressestadt und dem Olympia-Einkaufs-Zentrum (OEZ) gebaut. Zu den vielen mitten in der älteren und neueren baulichen Entwicklung liegenden grünen Gärten gibt es zudem die Landschaftsschutzgebiete Kapuzinerhölzl und Hartmannshofer Wald, einige Kleingartenanlagen sowie den Westfriedhof, bei dem sich mit Gern und Nymphenburg



nahtlos gleich noch weitere grün geprägte Parks und Grünflächen mit wunderschönem alten und gewachsenem Baum- und Pflanzbestand anschliessen, die zum Radfahren, Laufen, Spazierengehen,



bis hinüber zum Nymphenburger Schloss und Park, bis zum Botanischen oder bis zur Blutenburg in Menzing verführen. Und wenn in offiziellen Bekanntmachungen zu dem Stadtteil nach den Stadtteilgrenzen angeblich keine Frei- oder Hallenbäder in Moosach vorhanden sind, so ist das formal richtig. Aber das Olympiaschwimmbad und das Dantebad sind in wenigen Minuten erreichbar und im Sommer ist es an den drei Seen in den angrenzenden Ortsteilen Feldmoching, der Lerchenau und der Fasanerie eh viel schöner. Und in manchem Biergarten mit alten Kastanien, die




zum sommerlichen Geniessen bis in den Herbst, den des Jahres, wie den des Lebens einladen.

Erwähnenswert aus städtebaulicher Sicht und eine regelrechte kleine Stadt in sich, ein richtiges Kleinod zugleich als Oase ist die zwischen 1924 und 1930 errichtete Mustersiedlung "Borstei", die nach ihrem Erbauer, Senator Bernhard Borst benannt ist. Dabei handelt es sich um eine Siedlung von Mehrfamilienhäusern für den gehobenen Mittelstand, die inzwischen unter Denkmalschutz steht. Die meisten kennen sie nur vom Vorbeifahren an der Dachauerstrasse und dort die Aussenfassade an der Strasse entlang. Sie lohnt aber unbedingt, einmal zu Fuss oder mit dem Rad durch die dortige Einfahrt erkundet zu werden, dazu mehr einmal in den kommenden Tagen auch mit Bildern davon.

Was ich so besonders an Moosach liebe, ist dieser vorhandene alte gewachsene Baum- und Grünbestand,



mit dichten und üppigen Fliederbäumen und -büschen an fast jeder Ecke, wie sie kaum woanders in München zu finden sind, mit Brombeerhecken in den Höfen der alten Wohnhäuser mit den hochgewachsenen alten Bäumen


und den dichten Holunder- und anderen Büschen, in denen sich Scharen von Sing- und andern Vögeln aller Art, selbst Gimpel, Eichelhäher und Eichkatzerln finden. Und von denen und ihren Blüten und Früchten findet so manches seinen Platz im Speisekammerl.




Die traumhaft grüne kleine Inseln bieten. Bei aller moderner Infrastruktur, an der auch mit dem Verknüpfen der bisherigen Endstationen der beiden U-Bahn-Linien U1 und U 3 hier bei uns um die Ecke quer durch Moosach noch bis zur S-Bahn-Station am alten Moosacher Bahnhof vorbei an der Moosacher St.-Martins-Kirche gearbeitet wird, hat man von fast überall hier nur kurzen Weg ins Grüne nicht nur in Moosach selbst. Egal ob nach Norden zu den drei Seen Feldmochings, der Lerchenau oder der Fasanerie oder - über die günstige Verkehrsanbindung in den Süden ins Fünf-Seen-Land und weiter.



Besonders aber mag ich, dass es in Alt-Moosach noch so herrliche alte Gärtnereien zu finden gibt, die quasi mittendrin und - ganz "verbrauchernah" mit Verkauf direkt ab Hof frische Salate und Gemüse und zu akzeptablen Preisen bieten. So wie diese Gärtnerei der Familie Schamberger, die ich hier bereits erwähnte. Der Betrieb wurde bereits 1892 gegründet. Seit 1984 wird der Familienbetrieb nun vom Ehepaar Schamberger und nach modernen ökologischen Grundsätzen geführt. Sie können auf Gross- und Einzelhandel und die Gastronomie im Münchner Raum als Kunden verweisen, zu denen auch seit über 50 Jahren Feinkost Käfer und seit 30 Jahren der Grossmarkt Hamberger gehören. Aber nicht nur die wissen, was gut ist. Der Verkauf von frischem Gemüse, Salat, Kräutern und Obst direkt vom Hof ist ein Geheimtipp.



Und wer für die Gärten und Balkone und Lauben des Viertels seine Blumen sucht, hat dort auch sein Revier. Obwohl sehr nahe dem OEZ gelegen, verlaufen sich (für uns zum Glück) noch wenige von dort die drei, vier Querstrassen in den etwas versteckt im Dreieck zwischen Hanauerstrasse, Dachauerstrasse und Pelkovenstrasse, bzw Feldmochingerstrasse liegenden Betrieb.



Und so ist es auch immer sehr angenehm, mal eben mit dem Rad binnen weniger Minuten dorthin zu sausen, um die notwendigen Feld-Züge mit grüner Beute zu belohnen.

Unter anderem war da diesmal eine Zutat im Einkaufskorb, die bei vielen nicht so bekannt, aber sehr lecker ist. Portulak (Portulaca oleracea).


Dieser sog. Winterportulak oder auch Postelein genannt ist sehr mild, zart, aber reich an Mineralien und vor allem eine richtige Vitamin-C-Bombe.



Ob man ihn mit Feld- oder anderen Blattsalaten mischt oder hier zB "nur" mit fein gehobelten Radieschen und Parmesan, sowie Löwenzahnblüten oder Gänseblümchen kombiniert, er schmeckt vor allem mit einem sehr leichten, nicht zu dominanten Dressing. Gut passt ein solches aus Holunderblütenessig und Walnussöl, mit etwas Zitrone, Salz und Pfeffer. Aber auch etwas Joghurt mit Sauerrahm, Zitrone, Salz und Pfeffer sind gut. Das Dressing aber erst unmittelbar vor dem Servieren oder sogar am Tisch dazugeben, damit der Portulak nicht zu sehr zusammenfällt. Hier wurde der Salat mit einer meiner herzhaften Hefegeschneckelten angerichtet: Ein Hefeteig, ausgerollt, mit etwas zerlassener Butter oder wenig Schmand oder Sauerrahm bestrichen, darauf geriebenen Bergkäse oder anderen Hartkäse (Emmentaler, Gouda, etc), frisch gehackte Petersilie (oder auch Schnittlauch, Rukola, etc) und einige leicht kross ausgelassene Speckwürfel verteilen, aufrollen, in ca 2 cm dicke Scheiben schneiden und diese auf dem Backblech oder in Muffinförmchen backen (175-180°, vorgeheizt, ca 10 Minuten).



Die schmecken auch als Fingerfood, als Beilage zu Suppen und sowohl heiss bis abgekühlt.
Man kann den Hefeteig selbst herstellen, wer sich an diesen nicht herantraut oder wem das zuviel Aufwand ist, findet im Handel inzwischen auch TK-Hefeteig. Ich habe ihn bereits getestet und finde ihn - zB bei Überraschungsbesuch oder wenn man mal grade nicht soviel Zeit hat - nicht schlecht, wenngleich ich den selbstgemachten Hefeteig letztlich doch lockerer, fluffiger finde. Praktisch aber an dem TK-Hefeteig ist, dass man nicht zweierlei Teige braucht, sondern ihn für herzhafte wie süsse Gebäckvarianten nutzen kann. Üblicherweise in Packungen zu 450 g zu bekommen, enthält der TK-Hefeteig meist 3 Platten, die man nebeneinander liegend ca 30 Minuten auftauen lassen muss. Dann wird er verknetet und noch einmal ruhen gelassen, bevor er weiter verarbeitet wird.
Für diese Hefegeschneckelten habe ich ihn ebenfalls schon ausprobiert und dabei beispielsweise insgesamt 18 Schnecken in der Grösse von Muffins daraus zubereitet (12 herzhaft und 6 süss).

Zutaten für meine herzhaften Hefegeschneckelten:
2 Teigplatten TK-Hefeteig
ca 100 g gewürfelten Speck, in der Pfanne leicht kross ausgelassen
ca 100 -120 g geriebenen Bergkäse
40 g zerlassene Butter oder 2 El Schmand zum Bestreichen des Teiges
5 El klein gehackte frische Kräuter



Und wenn man schon mal dabei ist, kann man einen Teil des Hefeteigs auch gleich noch für den süssen Nachtisch oder den Kaffeetisch verwenden.






Lizchen's Süsse Hefegeschneckelte:
1 Teigplatte TK-Hefeteig
50 g zerlassene Butter
5-6 El Zimtzucker
1 Becher Schlagsahne
1 Packung Vanillepuddingpulver
1 El Rohrohrzucker

Teig ausrollen, mit Butter bepinseln, mit Zimtzucker bestreuen, aufrollen, in 6 Scheiben schneiden, diese in gebutterte und mit etwas Rohrohrzucker bestreuten Muffinsformen legen
Puddingpulver mit der Sahne verrühren, diese über die Schnecken giessen und sie im vorgeheizten Ofen goldbraun backen (175-180°, ca 12-15 Minuten)

Portulak passt ausserdem auch zu (zarterem, hellerem) Fleisch, aber auch zu preiswerten Gerichten, wie diesem:


Hier wurde er mit einem Altmünchner Rezept kombiniert, nämlich mit "Gebackener Münchner Gelbwurst". Speisen wie diese kannten schon meine Grossmütter, die noch gelernt hatten, mit sehr wenig Haushaltsgeld Gutes auf den Tisch zu bringen. Da wurden Scheiben von Gelbwurst, Leberkäse, Bierschinken oder Kalbsbriesmilzwurst oder auch Euter entweder pur in schäumender Butter goldbraun gebraten und zu Kartoffeln, Bratkartoffeln, Münchner Kartoffelsalat (der mit Essig, Brühe, Zwiebeln und ohne Mayonnaise, dafür aber je nach Vorliebe mit Radieserl oder Salatgurken serviert wird) oder Gemüse (zB Bohnen, Erbsen, etc) serviert oder zuvor in Mehl gewendet, in verquirltem Ei getaucht und in Semmelbröseln gewendet in Butterschmalz oder schäumender Butter knusprig und goldbraun herausgebacken.
Übrigens - wer bei Euter nun leicht zusammenzuckt und "nie" ruft oder das gar als "eklig" oder "widerlich" bezeichnet, dem sei durchaus unbenommen, es nicht zu mögen, aber derlei Abwertungen sind fehl am Platz. Euter beispielsweise ist heute eine solche Delikatesse geworden, dass man sie eh selten genug noch bei guten Metzgern und oft nur auf Vorbestellung bekommen kann. Ich bin nicht bös, wenn sie dann nicht noch von zu vielen weggekauft wird. Aber wer derlei Urteile abgibt, ohne zu wissen, wie schmackhaft solch althergebrachte Rezepte sind, übersieht schnell zweierlei: Zum einen möge er sich selbst ehrlich gern erst mal fragen, was er alles an (früher undenkbaren) Zutaten oder Lebensmitteln roh oder zubereitet zu sich nimmt. Und zudem auch selbstkritisch nachdenken, ob er dann wirklich so ökologisch mit Produkten umgeht, wenn er derlei schmackhafte und wertvolle Zutaten der Viehwirtschaft und Fleischherstellung ungenutzt ablehnt. Aber vielleicht gleichzeitig sagt, man solle Tiere nicht oder nicht umsonst züchten und schlachten, gar eher vegetarisch leben, weil alles andere kein respektvoller Umgang mit Tieren oder deren Lebensmittelwert sei. Einen Teil der dabei gewonnenen Zutaten und Lebensmittel einfach zu vergeuden, ist meiner Meinung nach noch weniger respektvoll.
Auch Innereien sind nicht jedermanns Sache - aber auch hier gilt: Man muss nichts als eklig oder unappetitlich ablehnen, nur weil man es nie probiert oder sonst keinen Geschmack daran hat.
Oder vielleicht einfach nie das richtige Rezept oder eine geschmackvolle Zubereitung geniessen konnte, weil manche der Küchenkenntnisse nach und nach leider verloren gehen und viele heutzutage oft nicht mal mehr mit den alltäglichsten Kochkenntnissen aufwarten können. Interesse an solchen Zutaten oder Rezepten wird erst dann wieder etwas breitenpublikums-gängiger, wenn einer der sog. Starköche sie aufgreift oder sie als chicchic in den Szenerestaurants gelten. Wo man dann auch - ist das nicht dumm? - auch doppeltdreifachteuer Geld dafür bezahlt.

Heutzutage kursieren solche und ähnliche Gerichte wie "Gebackene Münchner Gelbwurst" - langsam und vor allem aus ökonomischen Gründen wieder gesucht - manchmal auch mit Sellereischeiben oder auch Bauchfleisch als sog. "Falsches Schnitzel" durch die Rezepte und Kochbücher.

© Copyright by Liz Collet
Bildquellen: gern auf Anfrage auch für Vergabe von Nutzungsrechten oder diverse print-Varianten

Keine Kommentare: