Dienstag, Oktober 16, 2007

Zu früh, um sich Gedanken zu machen ?

Bei dieser Frage werden die meisten vermutlich als erstes denken: Zu früh, um sich Gedanken über die Weihnachtsgeschenke zu machen ? Und ohnehin schon tief geseufzt oder aufgestöhnt haben, nachdem sie in den letzten Wochen bereits die Lebkuchen, Weihnachtsstollen und anderen Lecker-Artikel in den Regalen der Geschäfte entdeckt haben. Fast überall gleich im Eingangsbereich, durch den nun mal jeder kommt. 10 Wochen Countdown noch. Nein, ich finde nicht, dass es zu früh ist, um sich Gedanken zu machen. Aber in vielleicht anderer oder zumindest in mehr als nur in dieser Hinsicht.
Als Kind begann etwa zu Beginn November die Zeit, in der man sich anfing zu überlegen, was der eine oder andere in der Familie brauchen, sich wünschen könnte. Es gab nur zwei Versandhauskataloge und die erschienen 2x jährlich. EIn Frühjahr/Sommer- und ein Herbst-/Winter-Katalog. Manchmal wurde sogar etwas bestellt. Wenn er "ausgeblättert" war, durften wir ihn haben und schnitten uns die Models und die Kleidung aus und spielten damit Barbie zu einer Zeit, als wir sie nur von den Freundinnen kannten und bevor wir - zwar keine echte, aber eine Barbie-ähnliche Puppe von einem etwas älteren Mädchen im gleichen Haus geschenkt bekamen, die davon mehr als ein halbes Dutzend besass, von denen manche schon ganz verfilzte Haare hatten. Die mochte sie nicht mehr - aber was machte das schon.
Aber vor Weihnachten bekamen die beiden Kataloge eine ganz besondere Bedeutung. Denn da konnte man stundenlang in den Spielzeugseiten blättern, träumen und sich 1000 Dinge vorstellen und schon im Traum spielen. Wunschzettel wurden geschrieben und spätestens zum ersten Advent "für's Christkindl" abgegeben. Auch noch, nachdem wir natürlich wussten, dass das Christkindl sehr weltliche Paten hatte - Omas, Opas, Mama, Papa. Aber Weihnachten hiess eben "träumen dürfen". Nicht wissen, ob und welcher der Wünsche vielleicht in Erfüllung gehen würde. Auch wenn nicht viele Wünsche auf dem Wunschzettel standen, wussten wir, dass nur ein Teil vielleicht dann wahr würde. Gerade das war ja auch so schön daran - Adventszeit und Weihnachten hatte noch Spannung, Träumen, Wünschen, Überraschungen. Nicht nur den Click im Internet bei 3,2,1 und ganz leicht meins (wenn ein seriöser Käufer am anderen Ende des www. sitzt), nicht nur den Kaufrausch-Countdown in den Läden, der - scheinbar - immer noch herrscht auch in Zeiten von ALG und Hartz IV. Scheinbar. Denn nicht erst in diesem Jahr gewinnt das Wort "Grundnahrungsmittel" oder "Sättigungsbeilage" schon während des Jahres eine ganz eigene mehr als doppelsinnige Bedeutung. Das ging mir durch den Kopf, als ich dieser Tage die Packung einer solchen Sättigungsbeilage im Regal entdeckte und in Händen hielt.





Dreifarbig. Weihnachtsbäume, Weihnachtssterne. Trikolore einer Nation, in der (wie man gern zitiert und in mehr oder minder gelungenen medialen Inszenierungen von Talksendungen auch in der vergangenen Woche wieder plakativ hören konnte) Kinderfeindlichkeit ein Fremdwort sei. Ganz im Gegensatz zu diesem unserem Land. Dreifarbig. Grün, Rot und Hell. Dreifarbig. Schwarz, Rot, Gold. Denke ich weiter, während ich die Packung im Laden in Händen drehe und nach dem Preis linse, denn sie lag nicht im Regal der Bück-und Streckware. Es ist nicht alles gold, was glänzt. Rot hat manchen Diskussionsbedarf und viele sehen - zu Recht und doch manchmal zu sehr ? - schwarz genug. Trikolore. Der Preis für die 500g-Packung ist - natürlich - höher als der günstigste Preis für vergleichbare Mengenpackungen. Fast lege ich sie zurück. Halte inne. Die Lage der Formnudeln in der Packung weckt einen Gedanken, mehr als ein Wortspiel. Für wieviele sind das in diesem Jahr vielleicht die einzigen Weihnachtsbäume, die sie kaufen werden ? Nicht aus Abgeklärtheit gegenüber einem an Tradition verlorenen Fest für sie. Rein aus Vernunft. Aus ökonomischer Überlegung angesichts des Preises von Weihnachtsbäumen, über den schon binnen kurzem ebenfalls medial berichtet werden wird. Wie jedes Jahr über den Preis der Maß auf der Wies'n. Letztere hat in diesem Jahr nicht verhindert, dass ein Rekordverkaufsergebnis erzielt wurde. Was ich nicht unbedingt erstrebenswert finde angesichts der ohnehin verharmlosten Gesellschaftsdroge Alkohol. Die nur deswegen weniger heftig öffentlich diskutiert wird, weil der andere nur seine eigene Leber (und anderes) und nicht wie der Raucher auch die Lungen (und mehr) seines Gegenübers ramponiert. Und die allenfalls dann heisser diskutiert wird, wenn Kinder zu staatlich-initiierten V-Leuten herangezogen werden sollen. Beim Preis der Weihnachtsbäume, der wie der Preis der Maß jedes Jahr medial im Vergleich dargestellt wird, entscheidet emotionales, nostalgisches und eben ökonomisches Interesse. Die Bäume werden kleiner in den Wohnzimmern oder bleiben Weihnachten draussen, manche im Schnee, wenn wenigstens nostalgisch weihnachtlich ein paar Flocken fallen. Was auch schön ist. Als Kinder sassen wir in dieser Jahreszeit besonders gern am Fenster, die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt, unter dem Fensterbrett stieg die Wärme wohlig warm vom Heizkörper hoch und draussen schneite es in der Dämmerung, wenn wir am 5. und 6. Dezember die Nikoläuse zählten, die zwischen den Häusern umhergingen, manche mit, manche ohne Krampus, den mit der Rute. Neben uns das messingfarbene Klangspiel mit dem Flügelrad, das sich angetrieben von der Kerzenwärme leise an den beiden Schellen klingend drehte. Am Fenster innen angeklebt die Sterne aus Gold- und Silberfolie, die filigran wie Schattenrisse ausgeschnitten oder in mehreren Lagen zu Kugeln gelegt und aufgehängt waren und sich manchmal ebenfalls über der Kerzenwärme drehten. Auch bei uns war das Geld nie allzu üppig gewesen, aber Weihnachten gab es immer einen zimmerhohen Weihnachtsbaum und meine Eltern bemühten sich, irgendwie immer die Herzenwünsche des Wunschzettels zu erfüllen. Die erste Puppenstube war selbstgebaut, bestand aus einem Zimmer und obwohl es sie längst nicht mehr gibt, erinnere ich mich an jedes Detail darin. Ebenso an das zweite Puppenhaus, das aus vier Zimmern - zwei oben, zwei unten - bestand und in dem das Christkind erstaunlicherweise dieselbe Tapete an die Wände gekleistert hatte, die meine Eltern im Wohnzimmer in einem Bordüren-Rauten-Muster damals hatten und wir Mädchen mit einem Röschenmuster im "Kinderzimmer".
Weihnachtsbaum und Kripperl davor waren jedes Jahr dabei. Mussten auch dabei sein, als ich bis vor einigen Jahren dann Weihnachten immer in einer Ferienwohnung im Werdenfelser Land verbrachte. Weihnachtsbäume - das sind für mich auch Symbole von Behaglichkeit, Sicherheit, Heimeligkeit, Geborgenheit, die schönste Zeit für die Familie, wenn sie ganz für sich und eben "daheim" ist. Gemütlichkeit, Beisammensein. Die schönste, stillste und ungestörteste Zeit des Jahres, wo man alles andere einmal draussen vor der Türe lassen will. Auch wenn es gemütlich ist, dann durch das weihnachtlich erleuchtete Fenster nach draussen zu sehen. Besonders zur Blauen Stunde. Und - mehr unbewusst, als bewusst reflektiert - steht es als Symbol schlicht für das Dach über dem Kopf, das schon bei der allerersten geschichtlichen Weihnacht das Entscheidende für eine Familie gewesen ist. Für manche ist dieses Dach längst und nicht nur in der Weihnachtszeit nicht mehr sicher und gesichert. Für andere bleibt es bei eben jenen Weihnachtsbäumchen, die ich im Laden vor dem Regal in Händen halte.




Im letzten Jahr waren auffallend weniger Fenster mit Lichterketten, Weihnachtssternen dekoriert, hatte ich den Eindruck. Die Lichterketten hebt man aber doch auf, man hat sie daheim, wenn man sie irgendwann schon hatte. Stromfresser, an denen man - auch - sparte ? Vielleicht. Vielleicht geht aber auch ein Stück vom Gefühl verloren, dass man noch Lichtstrahlen sind zwischen den roten Zahlen und den schwarzgemalten Zukunftsprognosen entdeckt ? Sagt man nicht aber, dass es besser ist, ein Licht anzuzünden, als in der Dunkelheit den Mut zu verlieren ? Und sei es, das stromkostenneutrale Teelicht für wenige cents im Windlicht oder im Lichthäuschen am Fenster.
Und besser als der Blick in die Sterne, der auffallend viel Zulauf in nicht so üppigen Zeiten gewinnt, weil er eben manchen Hoffnung geben soll, dass die Zukunft wenigstens besser wird, wäre vielleicht manchmal der Blick in die Sterne, die man ganz kostenlos geniessen kann. In den längeren Nächten. Weihnachtssterne. Adventssterne - denke ich beim Drehen der Tüte mit den dreifarbigen Sättigungsbeilagen. Bei manchen fällt der Weihnachtsbaum kleiner aus. Bei anderen fällt Weihnachten ganz flach. Baumtechnisch. Und nicht nur baumtechnisch. Wenn man in der Dämmerung heimkommt in der Vorweihnachtszeit oder noch einen Abendspaziergang macht, kann man schwer einschätzen bei wievielen von ihnen. Obwohl die Nachbarschaft viel wahrnehmbarer ist, wenn sie abends mit erleuchteten Fenstern heller, sichtbarer ist, als in der helleren Jahreszeit. Oder vielleicht auch "näher" ?
Man könnte ja mal darüber nachdenken. Nicht, um - zur Beruhigung des Gewissens und für manche leicht und schnell zu erledigen - dann einen der vielen Überweisungsträger auszufüllen, die in den kommenden Wochen wieder vermehrt im Briefkasten landen werden. Womit - zu recht - oft und vielen sinnvoll zu helfen ist. Manchmal ist es auch einfach die Motivation, die "hinter" den kleinen ausgefüllten Formularen der Banken steckt, WARUM jemand sie mit einer Zahl füllt. Wie diejenige, die ich gestern im Net bei Sina entdeckte. Weil sie - in einer Weise, die nur allzugut auch gerade zu meinen Gedanken hier zu passen scheint - viel von der Wärme und Nähe und Solidarität beschreibt, die (nicht nur, aber eben auch) zu Weihnachten noch gelten sollte. Aber in vielen Fällen ist schon eine meist anonyme Form, keine sehr nahe, keine erlebte Form der Nähe, die in solcher Solidarität dann Hilfe findet. Was nicht abgewertet werden soll. Aber vielleicht gilt auch hier: das Eine tun, das andere nicht lassen.
Manchmal genügen auch kleine Gesten, kostenlose manchmal sogar, damit jemand direkt neben einem das Gefühl wiedergewinnt, nicht allein, nicht allein mit seinen Sorgen und Ängsten, mit seinen Handicaps und Hürden zu sein.
Als ich mich umdrehe und die Tüte wieder zurücklegen will, steht eine ältere Dame neben mir, klein, vorgebeugt, mit einem unter den Arm geklemmten Stock. Sie versucht vergeblich, Packungsaufschriften zur Mengenangabe, Preisschilder zu entziffern, was ihr trotz Brille nicht gelingt. Wie auch - wie oft stehe selbst ich mit einer Packung in der Hand und ärgere mich über die minimal-font-Drucke bei Zubereitungshinweisen, von Inhaltsstoffen gar nicht zu reden.
Ich habe noch immer eine gewisse Scheu, besonders ältere Menschen im Laden von mir aus anzusprechen, ob ich ihnen helfen kann. Aber ich gewöhne es mir mehr und mehr an. Nicht nur aus dem insgeheimen Zorn darüber, dass es gerade deren oft schmales Portemonnaie einerseits und die für sie wegen des körperlich erschwerten Bückens oder Streckens zu den preiswerten Produkten andererseits sind, die ich einfach bei ihnen doppelt unfair in Geschäften empfinde. Es ist wie eine kleine Rebellion gegen das Bündnis, den Menschen möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Vor allem gerade den Menschen, die selten in den "Geiz-ist-geil" Geschäften Schnäppchen machen gehen, aber tagtäglich auf Schnäppchen angewiesen wären bei den Grundnahrungsmitteln und Grundbedarfsartikeln. Zugegeben, eine kleine Rebellion. Aber kostenlos, wenig zeitaufwendig. Und immer belohnt: Mit den Schultern, die sich wieder ein wenig leichter aufrichten, wenn man dafür sorgt, dass sie sich nicht so weit runterdrücken lassen müssen. Und sei es nur, weil sie sich nicht so ganz allein gelassen fühlen mit den Lasten, die sie schultern müssen. Schon ein Leben lang durch manche auch nicht rosigen Zeiten geschultert haben. Und: Belohnt mit einem Lächeln. Nein, eigentlich mit zweien. Weil sich dann eigentlich immer zwei anlächeln. Und schon sind zwei heiterer, als vorher. Weil keiner von beiden allein ist. Wenn man den anderen neben sich noch wahrnimmt. Und sich hilft. Zeichen setzt. Kleine. Kleine genügen. Oft genügen ganz kleine Zeichen.






Damit nicht alles aus- und flachfällt. Was Gesellschaft ausmacht. Was Gemeinschaft ausmacht. Nicht nur zu Weihnachten.

Also - nicht zu früh, um darüber nachzudenken,...oder ?

;-)

PS: Zeichen setzen ?
Nun, zwei von vielen Möglichkeiten, die mich überzeugen,
bieten sich zur Zeit hier:

Kunststimmen gegen Armut
Auch hier gilt - es ist nicht zu früh, die Frist läuft für die Aktion zum 15.11.2007 !
Für rechtzeitige Beteiligung ist der 13.11.2007 Absendung nötig.

Horizont e.V.
"Ein Dach über dem Kopf ist erst der Anfang...."
Mit "Geschichtsträchtigem" (siehe Details auf der Website des Vereins und in ein paar Tagen auch bei Liz'chens Büchersofa), das vielleicht auf der einen oder anderen Weihnachtszettel-Liste gut als Geschenk oder auch sonst als Mitbringsel passt lässt sich auch wortlos und doch ausdrucksintensiv Zeichen setzen. Und helfen.


Für beide Links gilt - finde ich - ist es nicht zu früh, darüber nachzudenken.

;-)

*augenzwinkernd: 'de SanfteBrise7




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Bildquellen, Fotodrucke, Poster, etc zu den verwendeten Motiven des posts:

Weihnachtsessen

Für manche die einzigen Weihnachtsbäume

Und bei Interesse an einem Nutzungsrecht
für das Postkartenmotive "Frohe Weihnachten" und andere,
z.B. für non-profit-Organisationen ?
Gern sprechen wir darüber - einfach Anfrage mailen !






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