Mittwoch, August 29, 2007

Aus'zogene - (k)ein gefährliches Sprachspiel

Es gibt Begriffe, bei denen mancher sich sicher auch vor der Wies'n, die uns ja demnächst wieder ereilt, und nicht nur zwischen den dortigen süssen Herzerln und Ein- und Ausblicken auf mehr oder minder grosser Herzigkeiten und grossherzige Kleinigkeiten der Dirndln in Dirndl










und auch anderem G'wand




















in die hübschestens Spontanfantasien fallen lassen könnte. Es sei jedem vergönnt. Einer dieser Begriffe, die man schier als Phantasietratzerln ("tratzen" = altbayerisch: necken, ärgern, sich einen Spass mit jemandem machen oder ihm einen Streich spielen) bezeichnen möchte, sind die Aus'zogenen. Beim Bekanntheitsgrad der Pupplinger Au und dem Englischen Garten kann es einen kaum wundern, dass mancher da in seinem Wortverständnis in die Irre geführt wird. Man hat's schon schwer genug als Non-Monacensier, als sog. Zua'groaster, als Preiss'n und Angehöriger anderer mit altbayerisch-stoischer Gelassenheit tolerierter Spezies mit dieser ohnehin oftmals als so schwer verständlich gescholtenen Mundart. Eben jener Mundart der bajuwarischen Reste der Völkerwanderung, in der man in seinem Sprachgefühl ja auch noch etwas schlichter und daher mutmasslich naturgemäss allgemeinunverständlicher unterwegs war.
Und wenn man sich dann halbwegs zwischen Marienplatz, Residenz, Stachus, Allianz Arena, Englischem Garten, Wies'n und Leopoldstrasse so weit orientiert hat, dass man vor allem zu Wies'nzeiten mit grade noch überlebenstauglichem °/oo Gehalt im Blut in diesem letzten nichtgallischem aber doch sehr widerstandsfähigem Millionendörfchen dahin findet, wo man hin will, wenn man nach dem Weg fragt, dann kommen auch noch mit den kulinarischen Verbalattacken und -tücken die nächsten Stolpersteindl auf einen zu. Wie z.B. die Aus'zogenen.

Wie hätte auch jener unerfahrene australische München-Besucher auf einer der Bierzeltbänke hinter dem Bierzelt verstehen sollen, dass die Frage seiner frischgebackenen weiblichen Münchner Bekanntschaft ob er eine Ausgezogene möge, so wenig die Aufforderung bedeutete, sie oder sich selbst so "naggisch zu machen", wie diejenigen, welche er tags zuvor im Englischen Garten gesehen und zu denen man ihm freundlich erklärt hatte, dass man zu diesen Auszogenen hierzulande einfach sage "Bei die Naggerten"- womit dann schon jeder wisse, wer gemeint sei und wo man sie finde....
Und so bekam er bei seinem folgsamen, wenn auch sprachirrig kausal verursachtem Versuch, der Aufforderung des Dirndls Folge zu leisten und die Knöpferl des Dirndls aufzufieseln (was schwer genug war bei seinem °/oo Gehalt und der bekanntermaßen eh schon suboptimalen Feinmotorik der männlichen doppelten Ausstattung des sog. 5Fingersuchsystems) noch nicht einmal den ersten der 15 Knöpfe auf, als er "so richtig eine gebacken" bekam. Rechts - und weil er verdutzt innehaltend vor lauter Grübeln, wie aus dem feschen netten Dirndl so urplötzlich eine derartige Hexe werden konnte, gar nicht so schnell die Glubberl von den Knöpfchen wegnahm - zündt' sie ihm ganz ohne dafür erforderliches Zubehör gleich links noch eine. Höhenflüge enden eben nicht selten mit dem Gefühl, das Karussellfahrten mit sich bringen. Bis er den Kopf wieder halbwegs ruhig und nicht um sich selbst auf dem Halsgewinde scheinbar kreisend halbwegs zu denken anfangen kann, ist sie dann gewiss auf und davon.

Rassig, würde ein Münchner das Temperament eines solchen Dirndls nennen. Was mich - völlig off topic - beinahe zu der interessanten Idee ablenken könnte, dass das eine interessante Gemeinsamkeit zur Beschreibung von diversen anderen bayerischen Herzlichkeiten - ...oder sollte ich sagen: Herzhaftigkeiten ?... - ist. Radi (Rettich) , Radieserl, Meerrettich,.... bekommen dieses Qualitätsetikett auch, wenn sie besonders scharf .... rassig, rass' eben sind. Knabberzeug, an dem man auch am liebsten frisch drauflos knabbert. Nun ja..... wirklich scharf, wird der arme und verdutzt dreinschauende Australier Ihnen dann entgegnen, war das Dirndl ja nicht wirklich...DASjenige, welches im Dirndl drinsteckte....welches seinerseits einen durchaus scharfen, nämlich tiefen Einblick gewährte und Hoffnungsausblicke machte, die aber nicht zur richtigen Aus'zogenen führten.

Die richtigen Aus'zogenen, nun...dafür gibt es ein ganz einfaches Rezept, um sie von den Naggerten zu unterscheiden, MERKE:
Naggerte, die sind manchmal mehr oder minder hell bis dunkelbraun, nicht immer so knusprig, wie sie selbst gern wären oder sich einbilden und wenn manche sich auch dennoch gern vernaschen lassen, sind sie - rein kulinarisch betrachtet - in der Regel weder geniessbar, noch wirklich bekömmlich. Lichtschutzfaktor hin oder her, Sonnenöl hat keinen wirklichen Ernähr- und Genusswert.

Aus'zogene (gelegentlich auch Aus'zogene Nudeln, Kiachl, Aus'zogene Kiachl oder manchmal sogar Kiachweihnudln / Kirchweihnudeln bezeichnet) sind dagegen goldbraun und knusprig appetitlich anzusehen, auf süsseste Art eingekleidet, genussvoll vernaschbar und lohnen jede sündige Versuchung all ihrer noch so vielen kleinen Kalorien, der man nachgibt und die noch monatelang in Erinnerung bleibt.Gaaanz goldig. Zumindest auf den Hüften. Wenn man sich danach in den Englischen Garten oder in die Pupplinger Au an die Isar legt, anstatt eben dort 1 Stündchen entlang zu joggen. Alles eine Frage der Prioritäten und des (feinen) Geschmacks.



Hier nun aber noch ein Rezept für Aus'zogene, die ein "hit" aber frei von Schlagabtäuschen und anderen Sprachtäuschungen sind - für sündige Experimente und Selbstversuche:














375 g Mehl mit Trockenbackhefe "Dr. Oetker Hefeteig Garant" vermischen, 50 g Zucker, das Mark einer Vanilleschote, 1 Prise Salz, 150 ml Milch und 50 weiche Butter zu einem glatten Teig verrühren. Teig dann sofort weiterverarbeiten (gehen lassen nicht erforderlich). In Stücke teilen, dies zu Kugeln formen und so drehen und nach den Teig nach aussen ziehen, dass er innen dünn wird und aussen ein wulstiger Rand bleibt. Der Teig sollte in der Mitte nicht reissen.
Diese Ausgezogenen dann auf bemehltem Brett nebeneinander ablegen und 15 Minuten unter frischem Küchentuch ruhen lassen.
2 l Öl oder 1000 g Butterschmalz in einem Frittiertopf langsam zerlassen bzw heiss werden lassen. Die Ausgezogenen dann einzeln nacheinander hineingleiten lassen und von beiden Seiten goldbraun backen (dauert nur ca 3 Minuten pro Ausgezogener).



Herausnehmen und auf einem Küchentuch abtropfen lassen und mit Zimtzucker bestreuen und später mit Puderzucker.
Noch warm servieren, schmecken aber auch abgekühlt noch lecker.

Tip:
Also ruhig ein paar einpacken lassen, statt "ein paar ausgeteilt zu bekommen".
Und "bon appetit" - wie der bekannt cosmopolitisch weltoffenherzige Münchner polyglott schon seit den napoleonischen Sprach- und kulinarischen Einflüssen zu formulieren weiss. Wenn er mog. ;-)))




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Ausgezogene Nudeln

Aus'zogene


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1 Kommentar:

Andrea hat gesagt…

Die wären was, wenn mein Vater zu Besuch kommt. Für einen alleine sind das ein paar zu viel.
lg Andrea